Besondere Ereignisse
Totale Sonnenfinsternis 12. August 2026 (Serón de Nágima, Spanien)
Es war klar, dass diese Sonnenfinsternis in der Schweiz nur partiell zu erleben war. Die Sonne würde «nur» zu etwas über 90 % vom Mond verdunkelt werden. Deshalb beschlossen wir, eine mit über 3´000 km (Hin- und Rückfahrt) recht lange Fahrt bis nach Nordspanien auf uns zu nehmen, um unsere erste totale Sonnenfinsternis bewundern zu können. Das auserkorene Dorf, Serón de Nágima in der Provinz Soria, lag sehr nahe der Zentrallinie, wo die längste Dauer der totalen Phase zu erwarten war.
Das Dorf (oder kleine Städtchen) Serón de Nágima liegt in einer hügeligen, lieblichen Landschaft fern ab vom Touristenrummel. Es zählt nicht mehr als gut 120 Einwohner. In der Ferienzeit sind aber auch viele Leute im Dorf, welche ursprünglich wohl von hier stammen, aber heute in anderen Städten wohnen, wo bessere Verdienstmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Am Tag wirkt das Dorf fast wie ausgestorben, am Abend aber kriechen alle aus ihren Löchern, um sich zu treffen und zu palavern. Beliebter Treffpunkt ist die Bar La Plaza o del Junior (dort sollte man keine Pizza bestellen: erstens wartet man Stunden darauf und zweitens schmeckt sie fürchterlich…). Eine sympathische Unterkunft fanden wir mit dem Hostal Castilla (in Tejado, wo ich zuerst nach einer Unterkunft suchte, verfünffachte der Hotelbesitzer kurzerhand die Übernachtungspreise…).
Montagmittag vor dem grossen Ereignis kamen wir in Serón an. Am Nachmittag zogen wir los, um geeignete Beobachtungsstandorte zu erkunden. Als durchaus valabel erschien uns die alte Burgruine Castillo de Serón de Nágima, direkt südlich oberhalb des Dorfs gelegen. Nachdem wir noch zwei weitere Standorte evaluierten, stiessen wir schliesslich auf den ebenfalls nahe dem Dorf gelegenen Hügel Cerrillo de La Cruz. Von dort aus hat man einen perfekten Rundblick, also auch einen freien Blick in Richtung West bis Nordwest mit tiefliegendem Horizont. Am Montagabend testete ich dort schon mal meine Ausrüstung (äquatoriale Vixen Sphinx-Montierung auf Stativ, Micro Four Thirds- Kamera OM System OM-1 mit 300 mm Tele, Baader-Sonnenfilter). Weiter im Süden gab es aber heftige Gewitter, was auch auf unserem Hügel zu sehr starken und böigen Winden führte. Dies erschwerte das Aufstellen der Ausrüstung erheblich. Ziemlich genau um 20:30, also genau dann, wenn zwei Abende später die totale Phase beginnen sollte, zogen für mehrere Minuten dichte Wolken vor die Sonne. Dies führte klar vor Augen, dass es auf der ganzen Erde keinen Ort gibt, für den für eine Sonnenfinsternis perfekte Wetterbedingungen vorausgesagt werden können.
Am Dienstag gingen wir dann auf Sightseeing in einer anderen Stadt. Da am Vorabend schwierige Verhältnisse herrschten und nicht alles reibungslos klappte, beschlossen wir, am Abend noch einmal an Ort und Stelle zu üben. Diesmal klappte alles recht zufriedenstellend, auch das Wetter hatte sich wieder beruhigt. Würden solche Verhältnisse auch am nächsten Abend herrschen, würde das eine tolle Sonnenfinsternis geben! An diesem Abend lernten wir auf dem Hügel auch zwei junge Frauen kennen, die diesen Standort für das grosse Ereignis inspizierten. Sie erklärten, dass sie für die Dorfbewohner einen geeigneten Standort suchten. Nach kurzem Schreck (oje, Massenauflauf!) kamen wir zum Schluss, dass es eigentlich ganz schön wäre, wenn hier möglichst viele Leute mit uns dieses wunderbare Ereignis erleben würden. Für meine Ausrüstung hatte ich ja bereits einen Standort gewählt, wo mir eigentlich niemand gross in die Quere kommen konnte.
Im Vorfeld der Sonnenfinsternis kursierten in Spanien viele Gerüchte. So würde die Polizei Strassen sperren und aufgrund der Waldbrandgefahr – nördlich von Madrid wüteten ja grosse Waldbrände – besonders wachsam sein. An einigen Orten wurden offenbar Tausende von Leuten erwartet. Auch bei unserem Beobachtungsort war ein grosser Menschenandrang zu erwarten. Da wir all die Ankündigungen nicht recht einschätzen konnten, gingen wir auf Nummer sicher: Schon kurz vor Mittwochmittag stellte ich mein Stativ mit der Montierung wenige Meter vom Kreuz entfernt auf. Dann fuhren wir mit dem Auto unter einen nahegelegenen, schattigen Baum, picknickten und machten – wie vernünftige Spanier auch – anschliessend Siesta.
Noch vor 19:00 richtete ich alles ein und liess die Montierung laufen, sodass die Sonne immer mehr oder weniger im Zentrum des Suchers blieb. Einmal mehr stellte ich das Scharfeinstellen als Herausforderung dar. Dies ist bei hellem Sonnenschein trotz gewisser Hilfsfunktionen der OM-1 gar nicht so einfach. Nicht alle geschossenen Fotos waren dann auch wirklich gestochen scharf. Auch die geplanten Belichtungsreihen mit der BKT-Einstellung (Bracketing, mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungszeiten) sollten nicht zuverlässig funktionieren, sodass ich schliesslich wieder auf Einzelaufnahmen wechselte.
Nach 19:00 trudelten immer mehr Leute ein, sodass der Hügel bald von Menschen übersät war. Viele brachten Essen und Getränke mit (auch für mich fiel ein kühles Bier ab…) und schon war ein munteres Volksfest in Gang. Puristen würden wohl ruhigere Beobachtungsorte vorziehen, wo das Naturereignis mit allen Sinnen genossen werden kann. Doch es hat durchaus auch seinen Reiz, wenn so viele Leute in friedlicher, lockerer Stimmung für so ein schönes Ereignis zusammenkommen.
Die Wetterbedingungen an diesem Abend waren perfekt: praktisch wolkenfrei, relativ wenig Dunst über dem Horizont und fast windstill.
Eine partielle Sonnenfinsternis zu fotografieren ist keine grosse Hexerei. Die wahre Herausforderung stellt der Übergang zur totalen Phase (Diamantring-Effekt und Baily's Beads (Perlschnurphänomen)) und die totale Phase dar. Mit Hilfe des «Solar Eclipse Exposure Calculator» von Xavier Jubier (http://xjubier.free.fr/en/site_pages/SolarEclipseExposure.html) berechnete ich noch zu Hause die mutmasslich geeignetsten Verschlusszeiten, ich hatte also einen Plan… Als dann aber die Sonne plötzlich vollständig verdunkelt war und sich die Sonnenkorona in ihrer vollen Pracht zeigte, war ich derart fasziniert, dass ich für lange Zeit überhaupt keine Fotos mehr schiessen konnte. Erst nach einiger Zeit, als die Totalität schon fast vorbei war, drückte ich bei unterschiedlichen Verschlusszeiten noch ein paarmal auf den (WLAN-gesteuerten) Auslöser, bevor ich den Sonnenfilter wieder monierte. Den Diamantring-Effekt und Baily's Beads konnte ich fotografisch also nicht festhalten. Das ist aber nicht schlimm, war es doch viel eindrücklicher, die Phänomene mit eigenen Augen beobachten zu können.
Die Totalität dauerte rund 100 Sekunden, eine Zeit, die im Nu vorbei war. Das Beobachten der Sonnenkorona war absolut faszinierend und kann gar nicht adäquat beschrieben werden! Aber auch die sich direkt vor und nach der Totalität verändernden und fast schon gespenstisch anmutenden Licht- und Schattenverhältnisse liessen einen leicht erschauern. Von der eigentlich während der Totalität zu erwartenden absoluten Stille war aufgrund des lauten Palavers dagegen gar nichts zu bemerken... Bereits kurz nach Ende der Totalität verliessen die meisten Leute den Schauplatz und im Dorf wurde anschliessend ein grosses Dorffest mit Live-Band gefeiert (mit auf der Setlist: Bad Moon Rising von CCR).
Zeitlicher Ablauf der totalen Sonnenfinsternis am 12. August 2026 in Serón de Nágima: